Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der digitale und analoge Erfahrungen ganz selbstverständlich ineinanderfließen. Freundschaften werden gepflegt, Interessen entdeckt, Meinungen ausgetauscht und die eigene Persönlichkeit entwickelt – längst nicht mehr nur auf dem Schulhof oder im Freundeskreis, sondern auch in sozialen Netzwerken. Für uns als Kinderschutzbund stellt sich deshalb vor allem eine Frage: Wie können wir junge Menschen in dieser Lebenswelt gut begleiten, stärken und schützen?
Eine wertvolle Gelegenheit, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, bot die Veranstaltung „Echt ich oder perfekt inszeniert?“ am 19. Oktober 2026 im Kulturboden Lindenberg. Sie fand im Rahmen der „Tage der seelischen Gesundheit“ statt und wurde in Zusammenarbeit der GesundheitsregionPlus, des Arbeitskreises Medienkompetenz und der Fachstelle Medienpädagogik des Kreisjugendrings Lindau organisiert.
Auch der Kinderschutzbund Lindenberg/Westallgäu war beim begleitenden „Markt der Möglichkeiten“ mit seinen Angeboten vertreten.
Die digitale Welt gehört zum Aufwachsen dazu
Patrick Stämmer, Jugendsozialarbeiter aus Regensburg, nahm die Teilnehmenden in seinem Vortrag mit in die Lebenswelt junger Menschen. Dabei ging es nicht nur um die Risiken sozialer Medien, sondern auch darum, welche Bedeutung sie für Kinder und Jugendliche haben.
Denn hinter der Nutzung von Instagram, TikTok und anderen Plattformen stehen häufig ganz menschliche Bedürfnisse: dazugehören, gesehen werden, sich ausprobieren, Anerkennung erfahren und Menschen finden, die ähnliche Interessen oder Erfahrungen teilen.
Gerade in einer Zeit, in der junge Menschen mit vielen Unsicherheiten und gesellschaftlichen Herausforderungen aufwachsen, können digitale Gemeinschaften auch Halt und Zugehörigkeit vermitteln.
Natürlich gibt es auch die andere Seite. Wenn scheinbar perfekte Körper, makellose Lebensläufe und inszenierte Glücksmomente den Alltag in sozialen Medien bestimmen, kann schnell der Eindruck entstehen, selbst nicht gut genug zu sein. Besonders während der Identitätsentwicklung können solche Vergleiche verunsichern und das Selbstwertgefühl belasten.
Doch die Antwort darauf kann nicht allein darin bestehen, Kindern und Jugendlichen ihre digitalen Räume wegzunehmen. Vielmehr braucht es Erwachsene, die verstehen möchten, was junge Menschen dort erleben, was sie begeistert und was ihnen möglicherweise Sorgen bereitet.
Unterschiedliche Blickwinkel, ein gemeinsames Anliegen
Durch den Abend führte Stefan Fürhaupter, Jugendsozialarbeiter aus Lindau. In der anschließenden Podiumsdiskussion brachten unter anderem Influencer Moritz Taylor, Christina Mack von der Kinder- und Jugendberatungsstelle Lindau sowie Nasrim Akratz ihre Erfahrungen und Sichtweisen ein.
Die unterschiedlichen Perspektiven machten deutlich, dass es beim Thema soziale Medien keine einfachen Antworten gibt.
Wie viel Schutz ist notwendig? Wo brauchen junge Menschen Freiräume? Und wie gelingt es, Orientierung zu geben, ohne ihre Bedürfnisse und Erfahrungen aus dem Blick zu verlieren?
Für uns als Kinderschutzbund sind diese Fragen eng mit den Kinderrechten verbunden. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Schutz und eine gesunde Entwicklung. Gleichzeitig haben sie ein Recht auf Information, Beteiligung und darauf, ihre Persönlichkeit zu entfalten.
Beides gehört zusammen und muss auch in der digitalen Welt berücksichtigt werden.
Beziehung ist und bleibt unser wichtigster Schlüssel
Eine Botschaft des Abends hat uns besonders angesprochen: Nicht Kontrolle, sondern Beziehung ist die wichtigste Grundlage, um Kinder und Jugendliche gut begleiten zu können.
Wir Erwachsenen müssen nicht jede neue App verstehen und nicht jeden digitalen Trend mitmachen. Aber wir sollten neugierig bleiben auf das, was unsere Kinder beschäftigt.
Was macht ihnen Freude? Wem folgen sie? Was finden sie spannend? Und welche Erlebnisse verunsichern oder verletzen sie vielleicht?
Wer solche Fragen stellt, ohne sofort zu bewerten, schafft Möglichkeiten für Gespräche.
Gerade dann, wenn Kinder und Jugendliche sich zurückziehen, Grenzen austesten oder Konflikte entstehen, braucht es Erwachsene, die den Kontakt nicht abbrechen lassen. Die bereit sind, zuzuhören, Beziehungen wieder zu stärken und auch bei unterschiedlichen Meinungen zugewandt zu bleiben.
Das bedeutet keineswegs, auf Regeln oder Grenzen zu verzichten. Im Gegenteil: Kinder brauchen Orientierung und Erwachsene, die Verantwortung übernehmen. Doch Regeln werden leichter angenommen, wenn dahinter eine vertrauensvolle Beziehung steht.
Kinder müssen nicht immer unserer Meinung sein. Aber sie sollten immer wissen, dass sie mit ihren Fragen, Sorgen und Fehlern zu uns kommen können.
Räume schaffen, in denen Kinder einfach sie selbst sein dürfen
Besonders zuversichtlich stimmte uns auch der Blick auf die Möglichkeiten jenseits der Bildschirme.
Freundschaften, Vereine, gemeinsames Spielen, kreative Angebote, Naturerlebnisse oder das Engagement für Umwelt und Gesellschaft sind wertvolle Erfahrungsräume. Hier können Kinder und Jugendliche erleben, dass sie etwas bewirken können, dass ihre Meinung zählt und dass sie dazugehören – ganz ohne Likes und Followerzahlen.
Für uns geht es deshalb nicht um ein Gegeneinander von digitaler und analoger Welt. Es geht darum, jungen Menschen vielfältige Möglichkeiten zu eröffnen, sich selbst kennenzulernen, eigene Stärken zu entdecken und echte Beziehungen zu erleben.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Wir haben uns sehr gefreut, beim „Markt der Möglichkeiten“ mit unseren Angeboten vertreten zu sein und mit Interessierten ins Gespräch zu kommen.
Die Veranstaltung hat uns einmal mehr darin bestärkt, wie wichtig es ist, Eltern und pädagogische Fachkräfte zu informieren, miteinander ins Gespräch zu bringen und Kinder und Jugendliche mit ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen.
Als Kinderschutzbund möchten wir dazu beitragen, dass junge Menschen sowohl im Alltag als auch in digitalen Räumen geschützt, beteiligt und gestärkt werden.
Unser herzlicher Dank gilt den Veranstaltern, den Referierenden und allen Beteiligten für die vielfältigen Einblicke, die unterschiedlichen Perspektiven und die wertvollen Denkanstöße.
Vielleicht ist das Wichtigste, was wir unseren Kindern auf ihrem Weg mitgeben können, gar nicht die perfekte Antwort auf jede digitale Herausforderung. Sondern das sichere Gefühl: Ich werde gesehen. Ich werde ernst genommen. Und ich habe Menschen an meiner Seite, die für mich da sind.
Denn genau das brauchen Kinder und Jugendliche, um ihren eigenen Weg zu finden: online wie offline.
